Vegan: Eine Lebenseinstellung – keine Mission
19.04.2011
Zu unserem großen Special über vegane Ernährung in der aktuellen Ausgabe ein ausführlicher Erfahrungsbericht von Jutta Däschlein, Yogalehrerin und überzeugte Veganerin seit sechs Jahren:
„Bereits als Jugendliche habe ich angefangen, kein Fleisch mehr zu essen, denn ich war schockiert darüber, wie Tiere gehalten werden. Fisch dagegen gehörte noch eine ganze Zeitlang zu meinem Speiseplan. Erst Jahre später setzte ich mich intensiver mit dem Leid und den Rechten von Tieren auseinander. Meine Ausbildung zur Jivamukti-Yogalehrerin 2005 gab mir weitere, entscheidende Denkanstöße, um mich für einen ethischen Vegetarismus zu entscheiden. Seitdem lebe ich vegan und habe alle tierische Produkte nach und nach aus meinem Leben gestrichen. Kein Ei, kein Käse, kein Honig, keine Lederschuhe, keine Daunenjacke.
Früher gekaufte Kleidung oder Schuhe trage ich zum Teil noch auf oder habe sie verschenkt. Denn einfach nur Wegwerfen hat ja auch nichts mit verantwortungsvollem Handeln zu tun. Ethischer Veganismus beinhaltet für mich auch Nachhaltigkeit im Denken und Handeln.
Gerade beim Essen ergeben sich häufig Diskussionen, denn viele Menschen haben das Gefühl, sie müssten sich und ihren Fleischkonsum verteidigen – allein durch den Umstand, dass ich sage, dass ich Veganerin bin. Das kommt mir manchmal schon absurd vor. Ich würde mich zwar freuen, wenn ich durch meine Lebensweise andere zum Nachdenken und Nachahmen anregen könnte. Aber ich möchte niemanden missionieren. Meistens wird mir in Diskussionen entgegengehalten, der Mensch brauche einfach Fleisch. Außerdem habe er ja schon immer Fleisch gegessen…
Aber ein Hinweis auf die Haltung der Tiere führt meist zu einer aggressiven Verteidigungshaltung, niemand will über die Schlachtung sprechen oder sich einen Mastbetrieb oder eine Schlachthof ansehen. Mit Schlachthäusern will generell keiner zu tun haben. Das ist zu grausam, da werden Augen und Ohren verschlossen.
Fehlendes Einheitsbewusstsein
Für mich ist jedes Tier in erster Linie ein Lebewesen und deshalb gibt es für mich keinen Unterschied zwischen Schlachten und Morden. Doch wenn ich das sage, bekomme ich zu hören: „Das muss halt gemacht werden.“ Die wenigsten Menschen wären bereit selbst das Tier umzubringen, das sie essen wollen. Und trotzdem essen sie Fleisch, denn die meisten Menschen trennen im Kopf Dinge, die nicht zu trennen sind. Die Tierindustire macht es leicht, denn ein abgepacktes Stück Fleisch im Kühlregal erinnert kaum mehr an das ganze Tier.
Im Yoga gehen wir von der Einheit allen Seins aus – und aus yogischer Sicht ist Fleisch essen nur möglich durch fehlendes Bewusstsein dieser Einheit.
Umweltschäden durch Fleischkonsum
In letzter Zeit wird verstärkt damit argumentiert, dass der sich immer mehr ausbreitende Sojaanbau Schuld daran, dass der Regenwald abgeholzt werde. Das stimmt. Aber falsch ist, dass ein gestiegener Sojaverbrauch der Vegetarier die Ursache ist. Im Gegenteil, die Sojabohnen werden hauptsächlich in der Massentierhaltungen verfüttert.
Kurz: Der steigende Fleischkonsum und die Produktion von Billigfleisch ist verantwortlich für die Abholzung der Wälder – und nicht die Menschen, die statt Fleisch Sojaprodukte essen.
Ich lebe und koche vegan in einer nicht-veganen Familie – das erfordert gegenseitige Toleranz.
Eier und Milchprodukte toleriere ich im Haushalt und im Alltag entscheidet jeder selbst über den Verzehr. Gemeinsame Mahlzeiten sind allerdings strikt vegan, Fleisch gibt es grundsätzlich nicht in unserem Haushalt. Mein Sohn hat schon im Grundschulalter von sich aus beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen und hält sich seit Jahren konsequent daran – ohne dass ihn irgendjemand dazu drängen würde.
Soja-Gulasch für die kritischen Verwandten
Mir macht es Spaß, Nicht-Veganern zu zeigen, wie man sich ohne großen Aufwand auf vegane Art genussvoll, lecker und abwechslungsreich ernähren kann. Unser Geschmack wird in der Kindheit geprägt, als Erwachsene essen wir immer noch gerne Dinge, die wir mit jener unbeschwerten Zeit verbinden, weil das Glücksgefühle auslöst. Darum kenne ich mich inzwischen sehr gut aus, wenn es darum geht, klassische Rezepte in eine vegane Variante umzuwandeln.
Ein Lieblingsrezept meiner Oma war Szegediner-Gulasch, ein herzhaftes Gericht mit Sauerkraut und Fleisch. Das koche ich heute mit Sojastücken, was in dieser Form sogar meinen kritischen Verwandten schmeckt. Mit solchen und ähnlichen Rezepten lässt sich immer wieder beweisen, dass veganes Leben nicht zwangsläufig verbissen, genussfeindlich und voller Entbehrungen sein muss.
Vegan zu leben ist der Ausdruck einer inneren Haltung, die aus meiner Erfahrung heraus langsam wachsen muss und die man sich nicht einfach überstülpen kann, sonst ist es ein modisches Attribut oder schlimmer: krampfhafter Verzicht, der irgendwann wieder ins Gegenteil ausschlägt.
Die einzige vegane Yoga Konferenz der Welt
Weiter inspiriert hat mich das „World Peace and Yoga Jubliee“ in Cincinnati/Ohio, die bisher einzige vegane Yoga Conference weltweit. Dort ließ ich mich 2010 zu einer veganen Tafelrunde inspirieren, die sich seit Anfang dieses Jahres regelmäßig in München trifft. Jeder, der sich für veganes Kochen interessiert und sich mit Gleichgesinnten austauschen möchte, ist hierzu willkommen.
Auch in diesem Jahr findet wieder das „World Peace and Yoga Jubilee“ statt (20. – 23. Oktober 2011). Es ist eine noch eher unbekannte Konferenz, die professionell und gleichzeitig liebevoll organisiert wird, doch zum Glück (noch?) nicht so kommerziell angehaucht wie manch andere Yoga-Großveranstaltungen. Ich selbst werde dort in diesem Jahr Jivamukti Yoga unterrichten und einen Vortrag zum Thema ‚Veganes Leben in einem Nicht-verganen Umfeld’ halten.“
Mehr Informationen zu der veganen Yoga Conference in Ohio gibt es unter www.worldpeaceinc.com/home/jubilee.html.
Mehr zu Jivamukti Yoga: www.jivamukti.de, www.jivamukti-schwabing.de,www.jivamuktiyoga.com.



