091211_2, Visakhapatnam
08.02.2010
Im Hausinneren ist alles sehr klein und eng und voller Menschen. Kinder, Frauen, Ältere und die Ayapa-Männer. Im mittleren Raum wird die Puja stattfinden, er ist wunderschön hergerichtet. Ein prachtvoller Altar mit den Gottheiten Ayapa, Ganesh und Lakshmi. Auf dem Boden streckt sich eine Zunge aus Bananenblättern, Blumen, Früchten und Öllampen im rechten Winkel vom Altar in den Raum. Wir sitzen drumherum soweit es geht, in allen anderen Räumen und an jeder freien Stelle sitzen und stehen Menschen. Auch hier übernimmt der Swami die Puja und eröffnet mit Ohm, Gesang und Rezitationen. Es ist eine Abhishekam Zeremonie, d.h. eine Gottheit wird mit Opfergaben geehrt, die über sie gegossen werden. Eine Tarpanas Zeremonie entspricht eine symbolischen Waschung, es wird nur Wasser verwendet. Abhishekam bedeutet den Einsatz von süßem Brei, Turmenic Brei, Zucker, Ghee, Blütenblätter, Honig u.a. All dies wird der Gottheit dargereicht, indem sie damit übergossen wird, dann wieder abgewaschen, dann mit der nächsten Gabe übergossen usw., bis alle Opfer dargebracht worden sind. Ist dies geschehen, wird sie feierlich neu eingekleidet, geschmückt, parfümiert und auf ihren ehrenvollen Altarplatz gesetzt, besungen und mit Feuer geweiht. Genau das passiert hier vor unseren Augen zu Ehren von Ayapa. Die zeremonielle Eröffnung für sich alleine ist schon eine sehr ausgedehnte Angelegenheit. Alle Teilnehmer werden namentlich integriert, Ort, Zeit usw. werden genauestens eingebracht, das gesamte Protokoll ist sehr anspruchsvoll. Bis es zum zeremoniellen Höhepunkt, dem Abhishekam kommt, durchläuft die Puja verschiedene Stadien. Am stärksten wird es, als der Trommler und die Sänger wieder ihre archaisch-ekstatischen Gesänge anstimmen. Dann werden nach und nach sämtliche Öllampen angezündet, was die gesamte Atmosphäre noch mystischer macht. Die Gesänge werden immer intensiver, immer mehr Flammen brennen und der gesamte Raum scheint sich komplett aufzuladen. Die Lampen rußen und qualmen, in kürzester Zeit ist es total verraucht, man kann kaum noch die Hand vor Augen sehen. (Irgendwie ist das Thema Luft, vor allem saubere Luft hier wirklich ein Thema…) Aber genug, um alles, was wichtig ist sehen zu können.
Ich habe plötzlich den Eindruck in eine Art „Zeitriss“ zu geraten und in einem uralten Ritual angekommen zu sein, so wie es vielleicht bereits vor tausenden von Jahren ähnlich stattgefunden haben könnte. Der Rhythmus des Gesangs und der Trommel ziehen mich vollends weg, ich sehe in leuchtende Augen und spüre Henning neben mir tanzen. Dann verschmelze ich mit allem, mit dem Ritual, dem Raum, der Musik, dem Rhythmus und mit allem – für einen gefühlt endlosen Moment. Lange genug, um das Gefühl zu haben, mit etwas besonderen in Berührung gekommen zu sein, dass schwer in Worte zu fassen ist.
Dann bin ich wieder Beobachterin und ein Stück weiter draußen, sehe um mich herum nur noch Hingabe und Freude. Ich schaffe es während der ganzen Puja Fotos und einige kurze Filmaufnahmen zu machen, was übrigens freudig zur Kenntnis genommen wird. Die Göttin wird durch rituelle Handlungen spirituell aufgeladen. Es ist ein Wechselspiel zwischen Innen und Außen, geben, bekommen, teilen, aufladen und eins werden, mit dem, was hier vor sich geht. Die äußere Handlung wird gleichzeitig zum inneren Erleben. Durch das rituelle Tun wird spirituelle Energie erzeugt und diese Energie fließt direkt wieder zurück an die Teilnehmer bzw. die Gemeinschaft und jeden Einzelnen darin. Auch hier ist der Übergang fließend: jeder ist individuell für etwas verantwortlich und steht für sich. Und jeder tut sein bestes, um die Puja zu vervollkommnen, sämtliche Intention geht in eine Richtung.
Irgendwann ist alles vorbei, es bleibt ein Glücksgefühl und gelöste Stimmung. Einige von den Ayapa-Männern nähern sich nun an und wir beginnen so gut es geht miteinander zu sprechen. Wir bekommen als abschließendes Festmahl gemeinsam mit dem Swami Reis, Hülsenfrüchte und Curries auf Tellern aus Bananenblättern. Mittlerweile habe ich es auch verstanden, ohne Besteck mit den Fingern zu essen und mich dabei nicht vollständig unelegant zu benehmen. Zu guter letzt gibt es noch ein Fotoshooting. Alle Inder, die wir bisher getroffen haben, lieben Fotoshootings. Mir ist es irgendwie immer etwas unangenehm und fast ein bißchen peinlich aber abschlagen will ich auch nicht. Entsprechend unentspannt sehe ich dann leider auch auf den Fotos aus. Egal. Ich schaue sie mir zukünftig einfach nicht an, die, auf denen ich drauf bin. Text+Bild: Eva Maria Moog



