Wenn Kreuzberg Indien wäre, wäre Herr Lehmann ein Guru

16.12.2009
© Charlotte Goltermann

© Charlotte Goltermann

„Das karge Brot der Wahrheit wird bei Element Of Crime gerne geteilt“, verspricht der Pressetext zum neuen Album „Immer da wo du bist bin ich nie“. Mit Weisheit geht Sänger und Autor Sven Regener, 47, weder in seinen Songtexten noch in seiner erfolgreichen „Lehmann Trilogie“ sparsam um: Aus reichlich Berlin-, Punkrock- und Lebenserfahrung speist sich eine Philosophie, die sich perfekt mit den Gegebenheiten des Moments arrangiert. Könnte das Yoga sein? YOGA JOURNAL traf einen Künstler, der noch nie auf einer Yoga-Matte stand, dessen Aussagen zur Kunst und dem Leben aber durchaus eine Meditation wert sind.

Interview: Christina Raftery

YOGA JOURNAL: Die neue Element Of Crime-CD „Immer da wo du bist bin ich nie“ ist genau zu Herbstanfang erschienen und liefert dazu die passende Stimmung. Wenn man möchte, hört man regelrecht die Blätter fallen – ist das Absicht?

Sven Regener: Ich finde es grundsätzlich schwierig, Musik saisonal einzuordnen. Außerdem war ich vor kurzem in Wien, wo mir jemand sagte, dass die Platte bei ihm Frühlingsgefühle auslöse. Aber in Wien funktioniert das, glaube ich, auch etwas anders.

Im Pressetext zum neuen Album steht, dass ihr als Band „im Hier und Jetzt existiert“, dass es aber niemanden interessiert, ob die Bandmitglieder Vegetarier sind. Dennoch: Wie steht es bei Element of Crime um die Ernährung?

Wir haben keine Vegetarier, aber wir haben einen Engländer. Der bringt uns immer die runden Teebeutel von zuhause mit. Eine sensationelle Sache, denn der weit verbreitete Doppelkammer-Teebeutel ist ein Irrtum. Ich habe schon daran gedacht, das in einem Song zu verarbeiten.

Unser Interview wird allerdings eher über Yoga gehen – oder genauer gesagt, über Gelassenheit. In sich ruhen, authentisch sein: Das ist eine Haltung, die sich durch alle zwölf Element Of Crime-Alben und die „Lehmann Trilogie“ zieht. Ist Yoga ein Thema für dich?

Na ja, Yoga ist natürlich an und für sich und schon sehr lange ein Thema. Ich erinnere mich an die 70er Jahre, da stand in jeder mittelständischen Bibliothek ein Werk mit dem Titel „Yoga für Yeden“, und zwar tatsächlich mit „Y“ (Anm.d.Red: Autorin ist Kareen Zebroff, die im Rahmen des ZDF-Magazins „Drehscheibe“ durch die erste im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Yogasendung führte). Daran finde ich nichts falsch. Ich kenne viele Leute, die Yoga machen. Ich wiederum mache Musik. Wenn ich Zeit habe und entspannen will, stimme ich Instrumente.

Das kommt Yoga sehr nahe – eine Form der Meditation.

Wahrscheinlich.

Du lebst in Berlin, wo derzeit im gefühlten Stundentakt ein neues Yoga-Studio eröffnet.

Es wird auch von einem Trend gesprochen, oder? Ich merke schon, dass sich besonders Menschen in Medienberufen von Yoga angezogen fühlen. Insgesamt scheint es ein Mittelstands-Phänomen zu sein und vor allem ab einem gewissen Alter attraktiv. Die große Frage bei Leuten meines Alters lautet ja: Wie lange schaffen wir es überhaupt noch? Für mich hat Yoga etwas mit einer bestimmten Lebensphase und einer bestimmten Gesellschaftsschicht zu tun: Man ist interessiert, man reist, man liest Bücher. In Neukölln ist die Yogastudio-Dichte sicher geringer als in Mitte.

Warum glaubst du, dass – nennen wir sie mal „Sinnsysteme“ – aus Asien hierzulande sehr populär geworden sind?

Ich vermute, dass das grünste Gras immer auf der anderen Seite des Zauns zu finden ist. In Deutschland hat körperliche Betätigung seit jeher eine etwas staubige Turnvater Jahn-Anmutung. Da liefern fernöstliche Systeme Auffrischung. Man darf ja nicht vergessen, was in den 70er Jahren außer Yoga sonst noch alles in Mode kam: Toast Hawaii, Mock Turtle Suppe, indonesische Reistafel, Fondue. Vielleicht ist Yoga auch eine barocke Erscheinung wie im 18. Jahrhundert das  Rondo à la Turque.

Im Grunde ist es ein normales Phänomen: Wir adaptieren Dinge aus anderen Zusammenhängen und integrieren sie ein bestehendes System.

Aber mit Asien hat das nichts mehr zu tun, ich denke da auch an Ayurveda. Letztendlich finde ich, dass man das alles machen kann und es völlig in Ordnung ist. Vieles ist ja auf beste Weise banal und viele sind davon fasziniert, das Banale überhaupt mal wieder gesagt zu bekommen. Man muss sich bei diesen spirituellen Dingen natürlich fragen, inwieweit wir sie am Ende überhaupt verstehen können.

Müssen wir sie verstehen?

Wahrscheinlich nicht. Vielleicht ist es egal. Dabei fällt mir die Aufregung um Bhagwan in den 70er und 80er Jahren ein. Im Grunde ist es ganz normal: Die Menschen sehen sich nach Ferne, nach Alternativen und anderen Wegen. Dabei scheint es so zu sein, dass die wahre Erkenntnis woanders passiert. Wenn man aber genauer hinschaut, ist so manche Weisheit aber vielleicht einfach praktisch begründet: Natürlich muss man in Indien das Trinkwasser zehn Minuten abkochen, um es keimfrei zu machen. Louis Pasteur hat das hier auch gemacht.

Nicht zu bestreiten ist, dass Yoga im Leben vieler Menschen entscheidende Perspektivenwechsel und manchmal eine ganz neue Ausrichtung bewirkt. Siehst du das skeptisch?

Nein, ich verstehe völlig, wenn jemand seinen Job in der Werbung kündigt und Yogalehrer wird. Wenn er damit durchkommt – umso besser. Aber ansonsten entzieht sich das meiner Bewertung. Gerade als Künstler muss man begreifen: Die Dinge sind Geschmackssache. Als Künstler wird man zum entweder zum furiosen Verächter aller anderen. Oder man sagt: Alles, was für jemanden funktioniert und niemand anderem schadet, ist in Ordnung. Ich tendiere eher zu letzterem.  Jemandem etwas zu empfehlen oder andere Entwürfe eindeutig zu kommentieren: Diese Verantwortung möchte ich nicht übernehmen. Es ist sehr wichtig, dass man sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Genau das ist ein Leitmotiv in deiner Musik und deinen Büchern: Unaufgeregt die Sonderbarkeiten des Lebens annehmen und den anderen ihren Raum lassen.

Obwohl es da nicht immer nur gelassen zugeht, und bei mir als Person erst recht nicht. Wenn es bei Herrn Lehmann knallt, knallt’s richtig. Aber das ist ja auch normal. Unaufgeregte Grundstimmung – das kann man durchaus so sehen, da spricht auch mein innerer Hanseat. Insgesamt vermeide ich gerne unangenehme Subtexte. Dahinter steckt eine gute Portion Faulheit und ein diffuses Bemühen, sich das Leben so einfach wie möglich zu machen. Ich bin auch jemand, der tendenziell sagt: Der eine macht Yoga oder meditiert, der andere hält ein Mittagsschläfchen.

Im SZ-Magazin ging es vor kurzem um den neuen Element Of Crime-Song „Kopf aus dem Fenster“, der die meditative Qualität des Aus-dem-Fenster-Sehens preist. „Da verbinden sich  der Yogi und der deutsche Hausmeister“, sagtest du im Interview. Bist du ein passionierter Beobachter?

Das Aus-dem-Fenster-Schauen funktioniert in Berlin sehr gut, weil viel Leben auf der Straße passiert. Das zu beobachten, ist wie fernsehen, nur interessanter. Vom Fenster überblicke ich die ganze Straße. Stehe ich mittendrin, bekomme ich nur einen Ausschnitt mit.

Welche Vorteile hat die Beobachterposition? Die Haltung in der Meditation…

Es ist eine gewisse Art, mit den Dingen umzugehen und eine Distanz zu ihnen einzunehmen. Dann kann man sie neu einordnen. In jedem Menschen wohnt beides: der Wunsch, mitzumachen, und der Wunsch zu beobachten. Es gibt Menschen, die eher dazu neigen, sich entziehen wollen. Die sind in Berlin gut aufgehoben.

Dein Roman-“Held“ Frank Lehmann ist auch ein Beobachter. Im Strom seines sehr übersichtlichen Kreuzberger Lebens als Barmann fließt er einfach mit.

Für das Drehbuch von Leander Haußmanns „Herr Lehmann“-Verfilmung habe ich eine Exklusiv-Szene geschrieben. Lehmann, sein Freund Karl und seine Freundin Kathrin gehen auf eine der ganz frühen Techno-Parties. Karl sagt dazu: „Hat keine Zukunft, der Quatsch.“ In einem Anfall von freundschaftlicher Rührung sagt er später: „Wenn Kreuzberg Indien wäre, wäre Herr Lehmann ein Guru.“ Schnitt auf eine Szene, in der Lehmann mit einer Gruppe von Hare Krishnas durch die Wiener  Straße tanzt. Wieder Schnitt und Kathrin sagt: „Jungs, ihr müsst jetzt ganz stark sein: Kreuzberg ist nicht Indien.“ Das wäre eine richtig lustige Sequenz gewesen. Leider wurde sie nicht gedreht.

Der tendenziell stoische Frank Lehmann würde sich tatsächlich zum Yogi eignen.

Was man nicht vergessen darf: Er ist ein unter schwierigen Bedingungen hart arbeitender Mann. Kritiker haben ihn als Schlaffi bezeichnet, als jemanden, der sich hängen lässt. Dabei macht er einfach klaglos und gerne seine Arbeit. Ich glaube, dass ihn das für manche sympathisch macht – und andere regelrecht provoziert, weil es Regeln hinterfragt. Aber klar, man kann in sich selbst ruhen, ohne je in seinem Leben von Yoga gehört zu haben. Spiritualität gibt es in jedem Kulturkreis, auch in unserem.

Siehst du Gelassenheit als Grundbedingung für Kunst?

Nein. Dass man als Künstler zu gültigen Ideen und Werten kommt, bleibt davon unberührt. Der nervöseste Mensch der Welt ist zu großer Kunst fähig. Ich verstehe Kunst als Reich der Freiheit: Man kann jede Form von Zustand und Bewusstsein mitbringen. Bloß habe ich eines festgestellt: Wenn man das so lang macht wie ich – Element Of Crime gibt es jetzt seit 24 Jahren -  braucht man eine gewisse innere Ruhe, um es auszuhalten. Ab einem bestimmten Alter ist Rock’n'Roll nicht mehr gut, nicht mehr sexy und vor allem nicht mehr lustig. Dann muss man sehen, dass man die Kurve kriegt. Ob ich allerdings einen aufregenden Song schreibe, hängt von einer guten Idee ab, nicht von Gelassenheit. Musik ist abstrakte Kunst: Wir wissen ohnehin nicht, wo sie herkommt, ihre Strukturen sind in der Natur nicht nachzuvollziehen.

Ein mystischer Vorgang?

Da gibt es natürlich den pythagoräischen Ansatz, nach dem alle Phänomene die Ordnung des Universums in sich tragen und alle großen Wissenschaften wie Rhetorik, Physik und Musik darin gleichberechtigt sind. Musik kann großen spirituellen Gehalt haben, die erste Motivation des Menschen zum Klang und anderen Künsten liegt in Ritual, Kult und Religion. Aber im Grunde ist das nicht wichtig für das, was dabei rauskommt. Es gibt keinen Zustand, in den man sich bringen muss, um einen guten Song zu schreiben, und es gibt keinen Zusammenhang zwischen der augenblicklichen Verfassung und dem, was in einem Song passiert.

Bist du ein entspannter Mensch?

Ich versuche zumindest, nicht auszubrennen, indem ich nicht mit inneren Widerständen kämpfe. Das ist wichtig für die Kunst und wohl auch sonst im Leben. Es sollte nicht beim Kampf um die Freiräume bleiben – womit wir wieder bei der Ausbildung zum Yogalehrer wären. Bald gibt es aber vermutlich nur noch Lehrer, keine Schüler mehr. Und irgendwann schneiden wir uns alle gegenseitig die Haare. Aber wie auch immer: Man sollte einfach immer seine ganze Kraft und seine ganze Seele in die Sache legen.

In Berlin gibt es unzählige hervorragende Yoga-Studios. Lust auf eine Probestunde?

Nein. Es gibt Grenzen für alles. Mein Arzt hat mir neulich geraten, Sport zu treiben. Habe ich gleich abgewehrt: „Sport tut mir nicht gut.“ Darauf er: „Welche Sportart könnte Ihnen denn Spaß machen?“ „Minigolf“, habe ich geantwortet und ihm dann dringend empfohlen, Musik zu machen -  ob er wolle oder nicht. Beides ist natürlich Quatsch. Ein wichtiger Punkt ist, dass man nie gegen den eigenen Modus angeht und Kraftaufwand betreibt, der im besten Fall nicht kontraproduktiv ist.  Über dem Apollo-Tempel in Delphi steht: Erkenne dich selbst.

Das ist Yoga.

Kann sein.

Sven Regener, 1961 in Bremen geboren, studierte eine Zeit lang Musikwissenschaften und spielt unter anderem Gitarre, Trompete und Klavier. Bis er 1985 die Band Element Of Crime gründete, war er unter anderem Mitglied in einem kommunistischen Spielmannszug sowie Punk- und Neue Deutsche Welle-Bands. Seine Romane „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“ hielten sich lange auf den Bestsellerlisten, für das Drehbuch zu Leander Haußmanns Film „Herr Lehmann“ erhielt Regener den Deutschen Filmpreis.
Im Januar gehen Element Of Crime auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Infos gibt es unter www.element-of-crime.de.