A Free Concert From Now On

30.10.2009

Swami SatchidanandaVor genau 40 Jahren eröffnete Swami Satchidananda, der Gründer des Integral Yoga, das Woodstock-Festival, das zum Symbol einer ganzen Epoche wurde. Auf einem 150 km von New York entfernten Feld brach sich das Lebensgefühl der damaligen „Counter Culture“ auf rauschhafte, friedliche Weise Bahn. In seiner Rede fasste der Swami das historisch einmalige Gemeinschaftsgefühl des euphorischen Spektakels zusammen: „Mit Hilfe der Musik können wir Wunder bewirken.“

Von Christina Raftery

Zu ihrem dreitägigen Konzert mit Musikern wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Joan Baez, Grateful Dead, Santana und Jefferson Airplane erwarteten die Woodstock-Organisatoren etwa 60.000 Besucher. Rund eine Million Menschen machten sich auf den Weg zum Festival, 400.000 schafften es auf das Gelände: Wunderschöne Hippie-Frauen in langen Kleidern und Mittelscheitel, äußerst bärtige Männer und viele Kinder. Als alle Absperrungen niedergerissen waren, gaben die Veranstalter jede Kontrolle auf und erklärten Woodstock zum Gratis-Konzert. Was folgte, waren ein musikalischer Rausch, intensives Einheitsgefühl zwischen Musikern und Publikum, Matsch-Exzesse, bewegende Anti-Vietnamkriegs-Appelle, das Teilen von Essen und Drogen und unerschütterlicher Optimismus: „Wenn wir alle ganz fest daran glauben, können wir den Regen verhindern.“ Paradiesvorstellung der Gegenkultur und bis heute sehnsuchtsvolle Projektion nachfolgender Generationen: Zwischen Nostalgie und Wissen über die weitere Entwicklung der Hippie-Bewegung bleibt die Erinnerung an eine wegweisendes Jahrhundertereignis.Woodstock ist der Inbegriff einer authentischen Musik-Kultur, die die gleichen Werte zu vertreten schien wie ihre Konsumenten, das Weltbild einer ganzen Jugendbewegung.

Darüber hinaus war Woodstock auch ein Forum für die ersten Yoga-Meister aus Indien, deren Lehren in der alternativen Kultur der 60er Jahre begeistert aufgenommen wurden. Im gleichen Jahr gründete Yogi Bhajan, der Guru des „Wassermann-Zeitalters“, in Los Angeles seine 3HO Organisation. Das von ihm geprägte Kundalini Yoga fand auch in Woodstock statt: Unter den Stichworten „Woodstock Education“ findet man auf YouTube eine spannende Lektion in Kundalini à la 1969: Die Anweisungen des jungen Lehrers – „Löst Blockaden, werdet high“- sind ganz auf die drogenerfahrenen Teilnehmer zugeschnitten.

Swami Satchidananda, ein Schüler von Swami Sivananda, kam 1966 auf Einladung des Künstlers Peter Max in die USA. Bald darauf zog er dorthin um, wurde amerikanischer Staatsbürger und gründete sein Integral Yoga Institute. Auf dem Weg nach Woodstock begleitet ihn Victor Arjuna Zurbel. Eine aufregende Anfahrt, wie sich der Journalist im folgenden Beitrag erinnert . . .

Als ich nach Woodstock kam . . .
mit S w a m i  S a t c h i d a n a n d a

Von Victor Arjuna Zurbel

Den 15. August 1969 verbrachte ich in einer Limousine mit Chauffeur. Ich begleitete Swami Satchidananda zum Woodstock Festival, wo er vor 400.000 Menschen die Eröffnungsrede halten sollte. Ich saß vorne auf dem Mittelsitz, eingerahmt vom Chauffeur und vom Swami. Die Rückbank teilten sich der Folksänger Tim Harden (“If I were a Carpenter”) und zwei Mitglieder seiner Band. Die Limousine war vom Woodstock-Produzenten Michael Lang bereit gestellt worden, um sicher zu gehen, dass der Swami rechtzeitig eintraf. Aber trotz unseres VIP-Status befanden wir uns im größten Verkehrsstau, den der Staat New York jemals erlebt hatte: Etwa 33 Kilometer vor Woodstock bewegte sich nichts mehr.

Wir steckten auf einer zweispurigen Landstraße fest, als sich die Organisatoren über Walkie-Talkie beim Fahrer meldeten und uns anflehten, schnellstmöglich zu kommen – koste es, was es wolle. Der Chauffeur drehte sich zu uns um und sagte nur zwei Worte: „Bitte anschnallen.“ Die Straße hatte einen Standstreifen, allerdings einen sehr holprig. Doch das war alles, was der Fahrer brauchte: Plötzlich rasten wir mit 100 Stundenkilometern neben der Straße entlang – von einem Schlagloch ins andere. Wenn der Fahrer eine Lücke im träge fließenden Verkehr sah, stach er hinein und nutzte den freien Raum auf der Gegenspur. Aber auch seine wilde Entschlossenheit  konnte das totale Verkehrschaos nicht vermeiden: Als alles zum Erliegen kam, hielten auch wir – mitten auf einer Kuhweide.

Nachdem ich die ganze Zeit den Atem angehalten hatte, atmete ich erstmals wieder aus und entkrampfte meine eingerollten Zehen. Ansonsten ging es mir gut, aber ich machte mir ernsthaft Sorgen um Swamiji. Vorsichtig drehte ich mich zu ihm, und siehe da: Er strahlte vor Begeisterung. „Das war Wahnsinn!“ rief er aufgeregt. „Genau wie in Bullitt mit Steve McQueen!” (Anm. d. Red.: „Bullitt“ ist der Auto-Verfolgungsjagd-Klassiker der 1960er). Als er mein blasses Gesicht sah, platzte er vor Lachen, in das ich schließlich mit einstimmen musste. Doch was war mit Tim Hardin auf der Rückbank? Bewusstlos umklammerte der Sänger seine mitgebrachte Whiskeyflasche. Wir brachten ihn nach draußen, wo Swamiji Tims Kopf auf seinen Schoß bettete, seine Handflächen auf seine Stirn legte und heilende Energie verströmte. Nach wenigen Minuten öffnete Tim seine Augen – genau rechtzeitig, um neuen Anweisungen des Fahrers zu folgen: „Macht euch bereit. Sie schicken uns einen Helikopter.”

Kurz darauf hoben wir ab und folgten einer endlosen Auto- und Menschenschlange, deren Anblick mich 40 Jahre später immer noch begleitet. Swamiji war auch beeindruckt, aber nicht so sehr wie wir: Schließlich hatte er in Indien schon mehrere Kumbha Melas, Pilgerfahrten mit mehreren Millionen Hindus, miterlebt. Wir landeten in der Menge, wo uns Produzent Mike Lang mit einem Grinsen begrüßte. Im Backstage-Bereich warteten auch die Musiker Richie Havens, Ravi Shankar, Melanie, Joan Baez, Arlo Guthrie, Sweetwater und The Incredible String Band. Richie Havens ging als erster hinaus, um die Menge musikalisch einzustimmen – unvergessen ist sein spontan improvisierter Song „Freedom“. Dann folgte Swami Satchidanandas Eröffnungsrede, die den historischen drei Tagen des Friedens und der Musik ihr Gesicht gab. Hier ein Auszug:

„Geliebte Schwestern und Brüder,
ich bin vor Freude überwältigt, dass sich die Jugend Amerikas im Namen einer wunderbaren Kunst hier versammelt hat. Mit Hilfe der Musik können wir Wunder bewirken. Die universelle Energie des Klangs ist größer als jede andere Kraft auf der Welt. Wir alle sollten uns daran erinnern, dass wir mit diesem Klang alles entscheiden können. Sogar im Krieg werden Klänge benutzt, um aus dem empfindsamen Herz ein Tier zu machen, das seine eigenen Artgenossen umbringt.
Es ehrt mich sehr, dass ich diese großartige Festival eröffnen darf. Ich sollte eigentlich ein wenig früher eintreffen, aber wie ihr wisst, befinden sich Tausende Brüder und Schwestern auf dem Weg hierher – was alles andere als einfach ist.
Auf vielfache Weise beeinflusst Amerika die ganze Welt. Vor kurzem fragte mich in Indien Mahatma Gandhis Enkel nach der Situation in den USA. Ich sagte: „Amerika formt sich zu gerade zu einem Ganzen. Im materiellen Bereich hat das Land einiges erreicht. Aber nun ist es an der Zeit, dass Amerika die ganze Welt auch spirituell unterstützt.“ Deshalb sehen wir hier Tausende von Menschen, die sich an Yoga und Spiritualität orientieren. Lasst also all unsere Handlungen und unsere Kunst im Geist des Yoga passieren.
Lasst uns durch die heilige Kunst der Musik Frieden und Glück finden, der sich auf der ganzen Welt ausbreitet. Oft hören wir Menschen sagen: „Kämpft für den Frieden!“ Ich verstehe immer noch nicht, wie man kämpfen und dann Frieden finden kann. Lasst uns also nicht für Frieden kämpfen, sondern den Frieden in uns selbst finden. Dann liegt die Zukunft der Welt in unserer Hand.
Ich sehe es ganz genau: Hier gibt es unendliche Dynamik. Die Herzen treffen sich. Wenn diese Bilder in Indien zu sehen sein werden, werden die Menschen nicht glauben, dass das Amerika ist. Der Orient ist im Westen angekommen. Die ganze Welt wird zuschauen. Die ganze Welt wird wissen, welchen Dienst an der Menschlichkeit die amerikanische Jugend leisten kann.
Zum Schluss möchte euch alle einladen, einen einfachen Chant mit mir zu singen. Erinnert euch an die Kraft des Klangs: Im Sanskrit gibt es bestimmte geheimnisvolle Klänge, die Bijakshara oder „Saatwörter“ heißen. Wir werden drei Saatwörter singen: „Hari“, „Om“ und „Ram“. Wenn ihr alle aus ganzem Herzen einstimmt, werden wir danach eine Minute der absoluten Stille und des Friedens einlegen…[400.000 Menschen im Publikum singen den Hari Om Chant gemeinsam]…. Ich bete für den Erfolg und den Frieden dieses großen Festes. Vielen Dank euch allen.“

Der Rest ist Geschichte. Und ich bin stolz, in bescheidener Weise dazu beigetragen zu haben.

Der Journalist und Art Direktor Victor Zurbel (Arjuna) half Sri Swami
Satchidananda in den späten 60er Jahren nach dessen Umzug von Indien in die USA beim Aufbau des Integral Yoga Institute. Zurbel ist Autor der Ernährungs-Ratgeber „The Vegetarian Family Cookbook“ und „The Natural Lunchbox Book“. Der Artikel erschien in der Sommer-Ausgabe des „Integral Yoga Magazine“ (www.iymagazine.com).