Eine Frage der Spannung
30.06.2009

Szenenbild aus Richard III.
Tatort: Schauspielschule. Körperbeherrschung gehört für Bühnenkünstler zum Handwerkszeug und muss hart trainiert werden. Die Vizedirektorin der Otto Falckenberg Schule und international tätige Regisseurin Sigrid Herzog hat vor fünf Jahren Jivamukti Yoga für sich entdeckt und schließlich an die renommierte Theaterakademie gebracht.
Interview: Monique Opetz
YOGA JOURNAL: Frau Herzog, in Ihrem Haus standen kürzlich Aufnahmeprüfungen auf dem Plan. Ihr Fazit?
Siegrid Herzog: Wir haben es dieses Jahr mit einem erstaunlichen Jahrgang zu tun, denn es gab weniger große Begabungen bei den Frauen und mehr bei den Männern. Was ein Jahrhundertereignis ist, weil viel mehr Frauen zum Vorsprechen kommen. Ihnen fällt Verwandlung und Spiel leichter,was wahrscheinlich mit unserer Erziehung zu tun hat.
Voraussetzung ist auch, sich seines Körpers bewusst zu sein, ihn zu beherrschen und nutzen zu können – was durch Körperarbeit trainiert werden kann.
Deshalb sind zahlreiche Bewegungskurse wie Tanz, Akrobatik oder Fechten.ein wichtiger Teil der Ausbildung. Eine von diesen Bewegungsarten sollte man als Schaupieler wirklich beherrschen. Mein Favorit ist in diesem Zusammenhang Yoga.
Warum halten sie ausgerechnet Yoga für die optimale Bewegungsart für Schauspieler?
SH: Um als Schauspieler zu arbeiten, brauchen Sie einen Körper, mit dem sie alles herstellen können, was ihre Phantasie möchte, jedes Alter, jeden körperlichen Zustand. Durch verschiedene Dehnungen werden beispielsweise die beiden für Emotionalität verantwortlichen Zentren – am Brustbein und am Bauch – optimal geöffnet. Außerdem müssen Sie jeden Teil ihres Körpers feinmotorisch steuern können, um Phantasien jederzeit körperlich umsetzen zu können. Jivamukti Yoga trainiert genau diese Feinmotorik.
Inwiefern?

Vielfach engagiert: Theaterregisseurin Sigrid Herzog ©Nik Schölzel
Das Spannende bei diesem Stil ist die Dynamik. Bei den Asana-Folgen können verschiedene Tempi variiert werden. Dabei wird man bei dieser Technik nicht in erster Linie von Musik gesteuert, sondern immer vom eigenen Atem – und damit von der eigenen Kondition. Das Atem- und Bewegungsbewusstsein, die Balance wird in hohem Maß gefördert, weil konstant Konzentration nötig ist und nichts routiniert abläuft. Zusätzlich ergibt sich eine Sensibilisierung für den Raum, die für die Vernetzung im Kopf optimal ist.
Durch die Konzentration auf sich selbst wird der persönliche Gefühlszustand geklärt – dieses „bei sich Sein“, das Wachwerden und die Körpererfahrung sind als Standortbestimmung extrem wichtig für diesen Beruf. Die Anfangs- und Schlussentspannung sorgen für eine Zentrierung des Ganzen. Ich weiß zwar nicht, ob Schauspieler große Meditationskunst beherrschen sollten, aber dieses regelmäßige „auf sich zentrieren Können“, um dann wieder mit der Phantasie spazieren zu gehen, ist natürlich eine sehr gute Voraussetzung.
Spielen auch ästhetische Aspekte eine Rolle?
Ja, natürlich. Neben dem durch Yoga bedingten Ernährungsbewusstsein ist das ein ganz funktionaler Punkt. Yoga verlängert die Muskeln durch Dehnung und fabriziert keine „Knubbelmuskeln“, wie sie bei Fitnessstudio-Gängern entstehen. Yoga macht einen schönen Körper.
YJ: Hat Yoga auch einen Einfluss auf die Gestaltung einer Rolle?
Schauspielen hat sich in den letzten Jahren verändert: Schauspieler nehmen sich selbst als Ausgangspunkt, um sich einer Figur anzunähern. Die Distanz zur Rolle ist kleiner geworden. Dadurch, dass die Schauspieler mit sich identischer sind, bewegen sie sich in anderen Grenzbereichen. Durch die Konfrontation mit sich selbst erfahren sie viel mehr für die szenische Figur. Bei diesem veränderten Ausgangspunkt, an dem der Schauspieler ansetzt, ist es natürlich noch wichtiger, sich in Feinabstimmung um seinen Körper zu kümmern. Yoga unterstützt den selbst reflektorischen Teil in hohem Maße. Dieses auf sich konzentrieren zu müssen und eine Standortbestimmung herzustellen, auch zu hinterfragen „Wieviel Energie habe ich gerade?“, „Bin ich ganz bei mir?“, koordinativ die Sinne wach zu machen, all diese Bewusstseinswahrnehmungen werden durch Yoga geschult. Das alles ist Voraussetzung, um einen Partner wahr zu nehmen und mit einem Text umzugehen. Um Lust dazu zu haben, eine Rolle nicht nur im Textverständnis zu nehmen, sondern auch eine Körperphantasie zu entwickeln – bedingt durch differenziertere Körperbeherrschung. Den Schauspielern fällt mehr mit dem Körper ein, weil sie viel feinteiliger über ihn verfügen können.

Schauspielschüler des dritten Jahrgangs der Otto-Falckenberg-Schule ©Nik Schölzel
Welche Relevanz hat Pranayama für Gesang und Artikulation bei Schauspielern?
Eine extrem hohe, da Sprechen, in großen Räumen handwerkliches Können voraussetzt,was absolut nicht vergleichbar ist mit dem gewöhnlichen Sprechmodus. Pranayama unterstützt die Atem- und Bauchmuskulatur und ermöglicht dadurch den schnellen Wechsel von Entspannung – Spannung, was eine phantastische Voraussetzung für Stimmbildung ist.
Wodurch ist regelmäßige Yogapraxis bei Schauspielern auf der Bühne erkennbar?
Es gibt ein optimales Maß an Spannung, das Schauspieler für einen Vorgang brauchen.Ist ihre Spannung zu groß,überträgt sich die auf die Zuschauer, die beispielsweise anfangen ihre Schultern hochzuziehen oder sich räuspern, wenn ein Schauspieler einen Frosch im Hals hat. Man gerät als Zuschauer hinein in diese Spannung. Schauspieler, die auf der Basis von Yoga als Handwerk oder Erfahrung spielen, benutzen nur das Minimum an erforderlicher Energie. Ausgangspunkt für eine variable Grundspannung ist der notwendige Atem, die notwendige Phantasie, das notwendige Bewusstsein.
Helfen die verschiedenen Spannungszustände auch beim Abschalten nach den Vorstellungen?
Ich halte Yoga für eine optimale Form, von einer Grundspannung in eine Unterspannung zu gelangen. Das heißt, wenn man das will, in den Schlaf zu kommen. Und da Schauspieler oft bis an den Rand der körperlichen Erschöpfung aber mit hellwachen Sinnen spielen müssen, ist die Unterspannung ein gutes Schlafmittel. Ich nutze das auch, um besser einschlafen zu können und kann es sehr empfehlen.
Schaffen Sie es eigentlich zwischen Inzenierungen, neuen Projekten und Schauspielunterricht Yoga zu praktizieren?
Sobald ich eine Lücke habe, fange ich an zu üben – das ist Sonntag vormittag und wenn es klappt die Viertel nach Acht Stunde am Montag. Aber in Phasen der Aufnahmeprüfung ist nicht die Zeit, während Inszenierungen ist nicht die Zeit… Sie sehen schon, Sie treffen da einen wunden Punkt. Ich möchte aber auf jeden Fall mehr üben.
Die vielfach engagierte Theaterregisseurin Sigrid Herzog hat gerade die diesjährigen Aufnahmeprüfungen an der Otto-Falckenberg-Schule in München abgeschlossen und ist gespannt auf den neuen Jahrgang. Wenn sie nicht gerade an der Schauspielschule für ihre Schüler da ist, unterrichtet sie außerdem im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper den internationalen Sänger-Nachwuchs. Aktuell inszeniert sie am Theater Augsburg Henrik Ibsens „Die Wildente“.



